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Dauerwald trotzt dem Klimawandel

Auswirkungen naturnaher Waldwirtschaft auf Beobachtungsflächen untersucht

Der naturnah bewirtschaftete, gemischte Dauerwald könnte sich im Klimawandel gegenüber dem traditionell bewirtschafteten Altersklassenwald als erfolgversprechenderer Ansatz erweisen. Anlass zu dieser Einschätzung geben die Untersuchungsergebnisse des vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderten wissenschaftlichen Projektes „Dauerwald“.

Die Projektbeteiligten der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft Deutschland e. V. (ANW) hatten in bundesweit sieben – seit zehn bis 30 Jahren naturnah wirtschaftenden – Forstbetrieben elf standörtlich unterschiedliche Beobachtungsflächen angelegt und Daten zu ökonomischen und ökologischen Aspekten der Waldentwicklung erhoben. Die Datensätze wurden von dem französischen Forstberatungspartner AFI (Association Futaie Irrégulière) zusammen mit dem europäischen Verband ProSilva ausgewertet, interpretiert und mit wissenschaftlich fundierten Durchschnittswerten im europäischem Netzwerk verglichen.

Höhere Vitalität und schnellere Regeneration in naturnahen Wäldern

Das Ergebnis: Alle elf naturnah bewirtschafteten Bestände weisen eine deutlich größere Baumartenvielfalt und Struktur auf als die Wälder im bundesdeutschen Durchschnitt. Flächige witterungs- oder schädlingsbedingte Ausfälle gibt es hier kaum – anders als in Betrieben im Umfeld ohne Dauerwald-Bewirtschaftung. Die Revitalisierung nach den Trockenjahren 2018/19 verläuft in den struktureichen, intensiv bejagten Wäldern rascher und umfangreicher als in einschichtigen Altersklassenwäldern. „Das gesamte System erscheint aufgrund seiner Mischung und Schichtung sichtbar vitaler“, erklärt Projektleiter Hans von der Goltz. „Das lässt für uns den Schluss zu, dass naturgemäße Dauerwaldbewirtschaftung die Stabilität und Resilienz von Waldbeständen im Klimawandel deutlich erhöht“, unterstreicht von der Goltz.

Untersucht und bewertet wurden auf den elf Beobachtungsflächen u. a. Baumartenmischung, Struktur, Lichtsteuerung, natürliche Regeneration und Biodiversität. „Wesentlich für Dauerwaldstrukturen sind gemischte Baumarten in verschiedenen Wuchsklassen – vom Jungbaum bis zum Starkholz“, nennt von der Goltz ein Beispiel. Naturverjüngung in hoher Dichte auf mindestens 50 Prozent der Fläche ist ebenso nötig wie angepasste Wildbestände, die gemischte Naturverjüngungen ohne Schutz ermöglichen. Dendromikrohabitate – etwa Spechtlöcher, Höhlen, Risse, Moose oder Pilze am Stamm – und 10 bis 15 Prozent Totholzanteil als Lebensraum für standorttypische Arten, dazu besonders geförderte seltene Baumarten wie Linde, Esche, Kirsche oder Erle sind Merkmale eines Dauerwalds, der im Klimawandel stabilisierende Funktionen übernehmen könnte.

Marteloskope zur Simulation der Auswirkungen von Pflegekonzepten

Die elf Beobachtungsflächen werden von der ANW in fünf und in zehn Jahren erneut beurteilt. Trotz der bisher eindrücklichen Ergebnisse sehen die Projektbeteiligten weiteres „ökonomisches und ökologisches Entwicklungspotenzial zum optimalen Dauerwald“. Deshalb wurden im Projekt gemeinsam mit dem Europäischen Forstinstitut EFI zusätzlich drei Übungsflächen angelegt. Auf diesen so genannten Marteloskopen können Waldbesitzende und Forstpersonal anhand von Simulationssoftware an Smartphone und Tablet im Wald prüfen, wie sich bestimmte Pflegekonzepte langfristig ökonomisch und ökologisch auswirken.

In Kooperation mit dem Arnsberger Büro für Wald- und Umweltplanung legten die Projektbeteiligten den Forstbetrieben für jede der Beobachtungsflächen die Ergebnisse der geprüften Kriterien samt Handlungsoptionen in Broschürenform vor. Die Broschüre ermöglicht u. a. den Vergleich der eigenen Istwerte mit wissenschaftlich fundierten Sollwerten bei Zuwachs, Nutzung, Werthaltigkeit oder Biodiversität im Dauerwald. „Damit erhalten die Bewirtschafter die Möglichkeit, die Konsequenzen ihres Handelns einzuschätzen und Schwerpunkte für die zukünftige Waldwirtschaft zu setzen“, erläutert Hans von der Goltz.

Die Gesamtergebnisse aller Beobachtungsflächen fließen anonymisiert in den „Zukunftsfahrplan“ der ANW zur Dauerwaldbewirtschaftung ein. „Damit schaffen wir die Basis für ein situationsangepasstes Waldbewirtschaftungsverfahren. Nur ein stabiles Waldökosystem erbringt langfristige Leistungen wie Wasser- und Bodenschutz, CO2-Speicherung, kann Gesundheits- oder Erholungsraum sein und ermöglicht die planmäßige Holznutzung“, unterstreicht der Projektleiter.

Hintergrund

1989 gründeten Vertreter aus den Forstbereichen mehrerer Länder und aus Universitäten mit Lehrstühlen für naturnahe Waldbewirtschaftung in Slowenien den europäischen Verband ProSilva. Die Association Futaie Irrégulière (AFI) wurde 1991 in Frankreich von einer Gruppe privater Forstberater mit dem Ziel des Informationsaustausches zur Waldbewirtschaftung und in Anlehnung an die Grundsätze von ProSilva gegründet.
Mit der Aufnahme der elf im Projekt von der ANW angelegten Beobachtungsflächen gehört Deutschland neben Irland, England, Frankreich, Benelux und Österreich nun zum mitteleuropäischen Flächennetzwerk der AFI.
Die 1950 gegründete Arbeitsgemeinschaft naturgemäße Waldwirtschaft e. V. (ANW) ist ein Zusammenschluss von Waldbesitzern, Forstleuten, Wissenschaftlern und Waldinteressierten in Deutschland. Ihr Ziel ist die Schaffung eines stabilen Ökosystems Wald.
Zu den Dauerwald-Kriterien gehören beispielsweise der Verzicht auf Kahlschlag, die Förderung standortgerechter Baumarten, die Walderneuerung durch Naturverjüngung, der Erhalt der Bodenfruchtbarkeit, der Verzicht auf den Einsatz von Düngern, Bioziden und gentechnisch verändertem Pflanzenmaterial und habitatangepasste Wildbestände. Im Verständnis der ANW ist das prioritäre Ziel forstlichen Handelns der Erhalt von gemischten und strukturreichen, möglichst naturnahen Wäldern, um klimawandelbedingte Risiken zu minimieren und nachhaltig Ökosystemleistungen zu erbringen.

Weitere Informationen:

Projekt: Ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit durch naturgemäße Waldwirtschaft - Anlage von Dauerbeobachtungsflächen und Marteloskopen in Deutschland im Rahmen eines europäischen Netzwerkes (Akronym: Dauerwald); Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) e.V.
https://www.fnr.de/index.php?id=11150&fkz=22020418

ANW: https://www.anw-deutschland.de/

Projektseite mit Abschlussbericht und Zukunftsfahrplan: https://www.anw-deutschland.de/eip/pages/ergebnisse.php

Marteloskope des EFI in Europa und Übungssoftware: http://iplus.efi.int/


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PM 2024-04

Mehrschichtige Mischwaldstrukturen mit differenzierter Lichtökologie kennzeichnen den „idealen“ Dauerwald. Foto: Stefan Schneider

Mehrschichtige Mischwaldstrukturen mit differenzierter Lichtökologie kennzeichnen den „idealen“ Dauerwald. Foto: Stefan Schneider

Gemischter Nachwuchs ist Voraussetzung für einen Mischwald in guter Qualität. Foto: Hans von der Goltz

Gemischter Nachwuchs ist Voraussetzung für einen Mischwald in guter Qualität. Foto: Hans von der Goltz

Stehendes Totholz trägt zur Ökosystemstabilität bei. Foto: Ansgar Leonhardt

Stehendes Totholz trägt zur Ökosystemstabilität bei. Foto: Ansgar Leonhardt